Dinge als Zeichen - Eine unscharfe Beziehung

Dieser Text ist in: Veit, Ulrich et. al. (Hg.):
Spuren und Zeichen. Interpretationen materieller Kultur.
(= Tübinger Archäologische Taschenbücher, 4)
Münster: Waxmann,  veröffentlicht (S. 29-51). 
Weitere Informationen dazu gibt es unter unter dieser URL: http://www.waxmann.com


"We need to see material culture itself as a part of dynamic life,
rather than a static set of objects. It will be necessary to recognize that all
artefacts have the potential to transform our perceptions and/or our understanding of the world."
(P.M. Graves-Brown 1995: 96)

Beschreibung: C:\Eigene Dateien\Internet-Data auf Festplatte\MK-Internet\mkzeig.gif

Abstract: Die Kritik an der Vorstellung, die von einer Kultur geschaffenen Dinge hätten die Eigenschaft objektiver Zeugen für die kulturelle Realität, führte zeitweise zum weitgehenden Verzicht auf Untersuchungen zum materiellen Besitz und seiner kulturellen Relevanz in den Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Erst mit der in den letzten 25 Jahren sprunghaft zunehmenden Interpretation von Kulturen als Systemen von Bedeutungen, die sich durch semiotische Analyse beschreiben lassen, konnte auch die materielle Kultur einen Platz als Träger von kultureller Bedeutung einnehmen. Zahlreiche Veröffentlichungen erweckten dabei die nicht erfüllbare Hoffnung, die Bedeutungen der Dinge lesen und verstehen zu können wie Worte und Sätze eines Textes. Auch wenn es richtig ist, daß Bedeutungen immer als Zeichen transportiert werden, so ist die Unterscheidung der Zeichenform, eben die semiotische Analyse, der eigentlichen Interpretation immer voranzustellen. Der These, daß Dinge Träger von Bedeutungen seien, oder wie Christof Pomian es pointiert formuliert, daß sie Semiophoren seien, ist unbedingt zuzustimmen. Es ist aber falsch zu glauben, diese Zeichen stünden in ähnlicher Weise eindeutig und in einer präzisen Beziehung zu bestimmten Bedeutungen, wie es bei Texten der Fall ist. Anhand einiger zentraler Thesen werden die Unterschiede zwischen Text- und Objektzeichen herausgearbeitet. Bedeutungen von Objekten sind nicht nur eine Ergänzung von Text- oder Sprachbedeutung. Obgleich sie bestimmte Kriterien einer linguistischen Zeichendefinition nicht erfüllen, wäre es auch falsch, die Eigenart von Objektzeichen nur durch die so bestimmten Beschränkungen der mit ihnen verbundenen Kommunikationsmöglichkeiten zu beschreiben. Eine wesentliche und oft nicht ausreichen beachtete Eigenschaft ist die Varianz der Schärfe, also der Präzision der Beziehung zwischen Objekt und Bedeutung. Es scheint zu den Kennzeichen materieller Kultur zu gehören, ein offener, nur kontextabhängig definierbarer Bedeutungsträger zu sein. Dies impliziert auch einen Verzicht auf die Möglichkeit, „objektive“ Bedeutungen für isolierte Objekte zu beschreiben. Die Untersuchung der Vorgänge, wie sich an Dinge gebundene Bedeutung entwickelt, wie sie aktualisiert wird, und unter welchen Umständen sie dennoch den Status manifester, für ein Kollektiv objektiv wahrgenommener Bedeutung hat, ist eine zentrale Fragestellung neuerer Forschungen zu materieller Kultur in der Ethnologie.


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