Die geringen Dinge
 

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Betrachtet man den von Pieter de Hooch im Jahr 1658 gemalten "Innenhof eines Hauses in Delft", so wird daran eine lange Tradition der Sichtweise auf materielle Dinge deutlich: Die Dinge des Alltags, die "geringen Dinge", hier z.B. Besen und Schöpfeimer, bilden einen Rahmen, in dessen Mitte die Menschen, emporgehoben über die Gegenstände, platziert werden. Die Dinge verweisen auf die Menschen, sie stehen als Metapher oder Allegorie für bestimmte Eigenschaften. Geschichten, die sie erzählen, erzählen sie nicht über sich, sondern über die Personen, über deren Eigenschaften.

Im 20. Jahrhundert ist dieses vertraute Verhältnis zu den Dingen zerbrochen. Die Dinge lösen Befremdung aus, sie sind nicht mehr selbstverständlich und die Nähe zu den Menschen kann nur noch durch eine intellektuelle Anstrengung erreicht werden. Die Dinge, gerade die "geringen Dinge", die den Alltag bestimmen, sind verstummt. (So die These einer Studie von Chr. Eykman (1999) mit dem Titel: "Die geringen Dinge".) Die nun empfundene Distanz findet ihren künstlerischen Ausdruck in der Verfremdung der Dinge durch die "Objektkunst" und im Surrealismus, wie zum Beispiel im bekannten Bild von R. Magritte "Ceci n'est pas une pipe", das Michel Foucault (1974) zum Thema einer Abhandlung machte.

Die "Metamorphosen des Dings" (so der Titel eines Buches, vgl. Haftmann 1971) und seine neue "Unvertrautheit" eröffnen aber auch den Raum für eine ethnographische Betrachtung der Dinge. Dies führt zur Möglichkeit einer "Autoethnographie", einer neuen Beschreibung der eigenen Dinge (Halton 1999, Riggins 1994b), die auch in Texten über alltägliche Dinge in der westlichen Gesellschaft ihren Niederschlag findet (Russo 2000, Schönhammer 1988). 

Aus dieser Perspektive gewinnt weiterhin die Frage nach der anderen Sicht auf Dinge in anderen Kulturen eine neue Relevanz. Ist das geschilderte Konzept der "geringen Dinge als Rahmen" in dieser Form universell gültig? Zeigen nicht andere Kulturen ein anderes, viel weiteres Spektrum an Formen der Wahrnehmung von Dingen?  Häufig werden solche Fragen überhaupt nicht gestellt, weil die alltäglichen Dinge für zu normal gehalten werden, um sie zum Gegenstand von Untersuchungen zu machen. Wirkliche Antworten auf solche Fragen können hingegen nur Untersuchungen liefern, die den Alltag nicht als gegeben hinnehmen, sondern ihn in den Fokus der Fragestellung bringen und die Rolle der Dinge beschreiben.  

 

"Things that are well known are unlikely to be studied. These things are too normal to be of interest. However, this normality gives human beings the opportunity to live without constantly having to question the material environment, although this environment is essential. One cannot live without it, but at the same time, one cannot constantly question it. The essential role of material culture in people's lives justifies our interest in objects, not only art or cult objects, but also objects of daily use. Therefore the study of material culture is of central importance to anthropology."  (Keurs und Smidt 1990:10) 


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